Prozesse der Kriminalisierung

Ausgesiebt

Wir hören ja sehr häufig von Rassist:innen das „Argument“ Menschen mit Migrationshintergrund seien proportional zu ihrem Bevölkerungsanteil häufiger kriminell als Menschen ohne und geraten deshalb auch häufiger mit der Polizei in Konflikt.

Sieht man sich das an, stellt man fest, dass hier Prozesse der Kriminalisierung wirken, die durch Rassismus entstehen und Rassismus verstärken. Vor Ankunft der Migrant:innen in DE wirkten diese bereits auf das Prekariat. Auf Scheidungskinder und auf Kinder berufstätiger Mütter.

Delinquenz – also die Bereitschaft bestimmte Regeln nicht einzuhalten oder sie auch abzulehnen – entsteht in der Pubertät. Alle Eltern kennen das. Das Gehirn erlebt einen heftigen Umbau und das Verständnis der Regeln muss neu erlernt werden. Deshalb haben wir überhaupt ein Jugendstrafrecht.

In diesem Kontext begehen Jugendliche erste Straftaten – und zwar gleichverteilt. Also unabhängig von ihrer sozialen und ethnische Herkunft – allerdings mit etwas anderen Schwerpunkten – nach Einkommen der Eltern und Geschlecht. Es gibt faktische keine erwachsenen Ersttäter (abgesehen von White-collar crime.)

Kriminalität beginnt mit der Bereitschaft Regeln zu brechen und durchläuft – so es zu Entdeckung kommt – Prozesse der Kriminalisierung.
Am Ende dieser Prozesse – an deren Anfang noch Jugendliche aus allen Schichten und Ethnien standen – erhalten wir als Ergebnis eine kriminalisierte Unterschicht mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund.

Wie funktioniert das?

Diese Prozesse beginnen nicht im luftleeren Raum. Die Erzählung vom kriminellen Migranten oder Angehörigen des Prekariats ist schon internalisiert.
Polizist:innen, Kaufhaus-Detektiv:innen und Richter:innen (vor allem aber auch die Mitarbeiter:innen der Jugendämter, die einen entscheidenden Anteil an der Kriminalisierung haben) halten das nicht für das Ergebnis ihrer Handlungen, sondern für ihre Berufserfahrung.

Alles beginnt mit der ersten Straftat. Meist mit kleineren Delikten. Einfache Sachbeschädigung, Ladendiebstahl oder Beförderungserschleichung.(Kosten der Mobilität sind ein großes Kriminalisierungsmoment für ärmere Menschen)

Wer wird erwischt? Der erste Filter

Beruhend auf ihrer „Erfahrung“ im Teufelskreis der Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen schenken nun Polizist:innen, Kaufhausdetektiv:innen u.ä. den Menschen aus migrantischen oder prekären Milieus deutlich höhere Aufmerksamkeit, weil sie hier delinquentes Verhalten erwarten.

Selbsterfüllende Prophezeiungen. Als Nebeneffekt gelingt es dadurch weißen Jugendlichen aus dem Bürgertum leichter unentdeckt Straftaten zu begehen, weil sie weniger Aufmerksamkeit erzeugen und zusätzlich Aufmerksamkeit von ihnen abgezogen wird. Hier findet rassistische Selektion statt, noch bevor die eigentliche Kriminalisierung beginnt.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Jugendliche aus prekären Bedingungen häufig länger am Ort oder in der Nähe des Geschehens aufhalten, etwa in Shoppingmalls, wo sie dann später noch erwischt werden können. Das liegt vor allem an den häuslichen Bedingungen z.B. Enge. Viel mehr Freizeit findet draußen statt und nicht in den komfortablen Einzelkind-Kinderzimmern des Bürgertums.

Die erste Strafe. Der zweite Filter

Selbst wenn man davon absieht, dass gar nicht alle Erstdelikte überhaupt vor einem Jugendrichter landen und dass junge, weiße Gymnasiast;innen deutlich höhere Chancen haben, einfach mit einem „Tu das nicht wieder..Papa hat alles bezahlt.“ davonzukommen….
Die Strafen fallen nun unterschiedlich stark aus, u.a. wegen eines individuellen und sehr umstritteneren Instruments des Jugendstrafrechts: Der Sozialprognose. Und natürlich wirkt hier auch Rassismus. Warum sollte der ausgerechnet hier keine Rolle spielen?

Der vordergründig sinnvolle Ansatz einer individuellen Bewertung wird hier zur Falle für viele junge Menschen.
Härtere Strafen haben nicht nur härtere Folgen und erzeugen ein Gefühl ungerecht behandelt worden zu sein… sie wirken sich auch auf alle folgenden Strafen verstärkend aus.

Wiederholung. Der 3. Filter.

Nach der ersten Strafe kommt es zur Strafvermeidung. So ist das ja gedacht und würde in einem gesunden System vermutlich auch funktionieren. Nur haben Jugendliche aus bürgerlichen Verhältnissen viel mehr Chancen auf Vermeidung (zusätzlich zu ihren besseren Chancen nicht erwischt zu werden). Denn bei ihnen hat Delinquenz kein reales Motiv. Sie müssen sich keine Markenjeans klauen oder schwarzfahren. Sie können sich alles kaufen lassen. (Einzige Ausnahme sind hier Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz – hier wirkt Kriminalisierung auch auf das Bürgertum) .

Und mit jedem weiteren erwischt werden zieht sich die Schlinge weiter zu.
Erfahrungen mit dem Alltagsrassismus und Frustration schaffen zusätzliche sozialpsychologische Motive. Wenn man schon als Paria behandelt wird, warum nicht einer sein? Warum soll man sich Diskriminierung überhaupt gefallen lassen?

Ein rassistischer Prozess

In diesem System erzeugt der Rassismus sich wieder selbst und nutzt ein selbst erzeugtes Ergebnis als Beweis seiner Gültigkeit.
Am Anfang steht immer nur der massive Umbau der Gehirne junger Menschen in einer hormonellen Krise. Am Ende sitzt ein Teil von diesen jungen Menschen im Gefängnis. Und obwohl am Anfang alle beteiligt waren, sind am Ende nur noch arme Menschen und nichtweiße Menschen eingesperrt. Die Ursachen dafür sind Rassismus und soziale Ungleichheit.

Wir könnten genauso gut einen bestimmten Anteil migrantischer und/oder prekärer Jugendlicher verhaften und einsperren. Das wäre ähnlich vernünftig und ähnlich gerecht.

<span class="entry-utility-prep entry-utility-prep-cat-links">Posted in</span> Allgemein | Kommentare deaktiviert für Prozesse der Kriminalisierung